Eröffnung der Ausstellung „Welt-Raum“ in der Sommerkirche Welt, 2008

Prof. Dr. Uwe Danker

Meine Gedanken zur Eröffnung dieser Ausstellung folgen einigen Assoziationen und Anmutungen, die mir bei der eingehenden Betrachtung der heute zu eröffnenden Ausstellung gekommen sind. Zu mehr bin ich – Sie werden es merken – auch gar nicht in der Lage als ein Dilettant, als ein laienhafter und naiver Liebhaber von Kunst, dem jede einschlägige Vorbildung – leider – fehlt.

Indes: Assoziationen und Anmutungen werden ausgelöst, wenn man einen mit Kunst und Kultur gefüllten Raum wie diesen betritt, der – abgesehen von einigen ästhetischen Sünden – durchaus sehenswerte künstlerische und kunsthandwerkliche Elemente aufweist – und nun für einige Monate auch die Herberge für ausgewählte Objekte Frauke Petersens sein wird.


Ich möchte kurz nachdenken über

- den Raum, im konkreten wie im abstrakteren Sinne,

- die Kunst, und zwar über jene Frauke Petersens im Besonderen, schließlich über

- die Welt, im Großen wie im Kleinen.



1. Der Raum:

Hand aufs Herz: Was empfanden Sie, als Sie diesen Kirchenraum betraten? Fragten Sie sich vielleicht für Bruchteile einer Sekunde, wo denn die Kunst-Ausstellung sein möge? Waren Sie nicht irritiert, leicht verunsichert z.B. ob die fünf monochromen Arbeiten an der rechten Kirchenwand nicht tatsächlich dahin gehörten, Inventar wären? Aber nein, die Einladungskarte mit zwei dieser Arbeiten weist uns aus, am rechten Ort zu sein, obwohl wir uns genau diese Arbeiten nicht so groß vorgestellt hätten. Oder?

Die sehr dezente Hängung hier im Kirchenraum, sie scheint mir charakteristisch für Frauke Petersen: Ich spiele dabei nicht an auf auch gar nicht angebrachte Bescheidenheit, sondern ich meine ihre ganzheitliche, wir dürfen heute hier anspielerisch sagen: weltliche Kunstauffassung.

Was meine ich damit? Die Künstlerin hätte die Chance besessen, den ganzen Raum zu füllen, Trennwände zu ziehen, Flächen zu schaffen, eine Totalausstellung ihres inzwischen breiten und eine – durchaus beschreibbare – künstlerische Biografie spiegelnden Werkes vorzunehmen. Was aber unternimmt sie? Sie hängt keine 20 Produkte ihres Schaffens auf, einige mehr – ich hab den Lagerraum gesehen – wurden hierher transportiert, nur diese knapp 20 aber bestanden den formulierten Anspruch der Künstlerin, hierher zu passen, als gehörten sie tatsächlich hierher.

Wir dürfen annehmen: Diesen Raum und diese Ausstellung nutzt Frauke Petersen zur Fortsetzung ihrer künstlerischen Arbeit: die aktuelle Werkschau ästhetisch und beinah selbstverständlich eingepasst in das angebotene Gehäuse, jedenfalls in Teilen so perfekt, dass Raum und Kunst als Einheit wieder neue Ansichten respektive ganz eigene Anmutungen entstehen lassen. – Ich komme darauf noch einmal zurück.


2. Die Kunst

Arbeiten von Frauke Petersen gehen aus von Momentaufnahmen, in der Regel handelt es sich um realistische Fotografien realer Wirklichkeitsausschnitte, die im künstlerischen Prozess auf harten massiven Platten meist durch Sand, Struktur und Farbe verfremdet, bearbeitet und verdichtet werden, bis sie als Objekt mit exklusiven Anmutungen und Assoziationen ein völlig neues Eigenleben entfalten. – Das ist übrigens ein Konstruktionsprozess, der mich schon deshalb erreicht und fasziniert, weil er mir als Historiker, der auf der Basis von historischen Quellen seine subjektiven Narrative der Geschichte erzeugt, im Prinzip so klar wie geläufig erscheint, auch wenn die erreichten Höhen an Eleganz und Ästhetik nicht im Ansatz vergleichbar sind.

Es ist zugleich ein Konstruktionsprinzip, das so strukturiert und vermeintlich handwerklich daherzukommen scheint, dass mancher, von einem vorurteilsbeladenen Kunstbegriff getragen, glauben mag, das vielleicht auch in etwa zu können, wenn nur die einzelnen Schritte erläutert würden. Ja, wer Frauke Petersen als Kunstbanause zu nahe treten will, der frage sie einfach ganz handwerklich interessiert danach, wie, also mit welcher Technik und in welchen Schritten, sie ihre vermeintlich uniformen Arbeiten fabriziere, und, nicht zu vergessen, welchen Kleber sie benutze...

Abgesehen davon, dass man exklusiv sehen können muss, um diese Motive zu finden, dass man intensiv fotografieren können muss, um sie auch einzufangen und abzubilden, dass man kreativ abstrahieren können muss, um zu transferieren, dass man Sand perfekt gestalten und verkleben können muss, dass man – so nebenbei betrachtet – auch noch mit Farbe, Form und Größe operieren können muss, also ganz abgesehen davon, dass man – wie jeder Künstler und jede Künstlerin – sein / ihr Handwerk und dessen Techniken tatsächlich und perfekt beherrschen können muss, benötigt man schließlich und vor allem die Gabe, das völlig Neue, das Objekt zu erahnen, zu sehen und schließlich zu formen, zu gestalten, ja zu schaffen.

Ein weiteres sei angemerkt: Kunst leistet mehr, viel mehr als bloße Abbildung von Wirklichkeit oder handwerkliche Replikation einmal gelungener Arbeiten. Kunst ergänzt unsere natürliche Umwelt um weitere, neue, nie gesehene Dimensionen, um Themen und ungeahnte Anmutungen. Kunst erweitert unseren Horizont, verbreitert unsere Lebenswirklichkeit; sie ist ein unbezahlbares Geschenk.

Kunst im Besonderen aber ist natürlich verankert, verwurzelt, verfügt über Brücken und Bezüge in die natürliche Realität. Im Fall der Künstlerin Frauke Petersen schöpfen ihre Konstruktionselemente Fläche, Struktur, Perspektive, Material und Farbe ganz erkennbar aus ihrer Biografie, ihrem Leben hier auf Eiderstedt: Da ist die unendliche Nordsee, da ist der breite Strand vor St. Peter-Ording, da ist das täglich zweimal durchwalgte Watt – durchweg Flächen jeweils, die Gegensätzliches in sich bergen: Was nach klarer Ordnung erscheint, erweist sich zugleich bei genauerem Hinsehen als beliebiges und jedenfalls nicht rekonstruierbares Chaos; Sicherheit suggerierende Strukturen brechen immer wieder auf, verändern sich ständig, und bleiben doch so selbstähnlich; im Überblick mutmaßte Eintönigkeit entpuppt sich fokussiert gleichwohl als schier unglaubliche Vielfalt. – Das ist die regionale natürliche Umwelt, die Frauke Petersen prägt, deren Charakteristika, Ausdruckskraft und Überraschungspotentiale sie, wie ich vermute, internalisiert und produktiv in ihr künstlerisches Schaffen integriert – oder gar zum Ausgangspunkt ihrer spezifisch kanalisierten Kreativität nimmt.

Betrachten wir ein markantes Indiz für diese Annahme: Wie die Meeresoberfläche, der Strand und das Watt sind die Arbeiten von Frauke Petersen flächig, jedoch nicht 2-dimensional, zugleich aber auch nicht wirklich 3-dimensional: Leichte Erhebungen, extrem regelmäßig, geometrischen Gesetzen folgend, aufgetragen, konturieren die Flächen, erzeugen diese von der Ebene dominierte Räumlichkeit.

Jedenfalls scheint mir die Verwurzelung dieser künstlerischen Arbeit in dieser Region evident; damit bildet sie auch einen Schlüssel zum Verständnis der Arbeiten von Frauke Petersen. Provinzialität ist damit jedoch keineswegs behauptet, im Gegenteil, wie ich gleich ausführen werde.


3. Die Welt

Künstlerische Biografien weisen, wenn ich das richtig verstanden habe, zweierlei auf:

Zum einen das innerlich zusammen hängende Werk, also die spezifischen Themen, Formen und Umsetzungen des künstlerischen Wirkens, die die Arbeiten des Künstlers / der Künstlerin so unverwechselbar und wieder-erkennbar machen, uns beispielsweise im Hotel StrandGut Resort in St. Peter-Ording deutlich signalisieren, Frauke Petersen war hier.

Zum zweiten, und damit eng zusammen gehörig, Wandel der künstlerischen Arbeit. Das Werk entwickelt sich fort, neue Themen kommen hinzu, Formen werden erweitert, Farben erobert, Dimensionen hinzugefügt. – An einigen Stationen der künstlerischen Biografie Frauke Petersens lässt sich genau das zeigen.

Eine ganz wichtige Erweiterung ist unübersehbar in dieser – überwiegend sehr aktuelle Arbeiten zeigenden – Ausstellung: Der künstlerische Weg von der Region in die weite Welt.

Wir kennen es aus zahlreichen Biografien bildender Künstler und ich muss keine berühmten Beispiele wie jene von Nolde oder Gauguin anführen, um zu belegen, dass Reisen Horizonte verschiebt, künstlerisch verändert und erweitert. Frauke Petersen reist in die Wüste Gobi, nach Neuseeland, Indien und Südafrika, und sie bringt ganz Konkretes mit, nämlich Sand, nichts als Sand, um ihn zu verarbeiten. Die bereits erwähnten fünf monochromen Arbeiten enthalten jeweils jenen importierten Sand, quadratisch und uniform auf Hartfaser mit 74 cm Kantenlänge aufgetragen. Und die original belassenen Farben erzeugen in dieser hängenden Kombination ihre spezifische Anmutung.

Auch neue Bilder, Motive, Themen und Eindrücke transportiert die Künstlerin aus der weiten Welt in ihr Atelier bei St. Peter-Ording. Hier, nämlich im Altarraum, lassen sich Aspekte der Erweiterung genau studieren: auf der Seite des Taufbeckens typisch erscheinende, heimische Arbeiten, gegenüber härter konturierte und die dritte Dimension viel stärker aufweisende Werke, die auf Motiven aus Chile basieren: Chilenische Einöde erscheint viel gebirgiger und gehärteter als die weichen, sensibler wirkenden Flächen von Watt, Strand und Wasser an der schleswig-holsteinischen Westküste.

Besonders eindringlich unterstreichen die Entwicklung, so finde ich, die beiden direkt am Altar gehängten Objekte: das rechte förmlich dreidimensional, das linke – ebenfalls räumliche Tiefe ausstrahlend – methodisch total reduziert, nämlich überhaupt keinen Sand mehr aufweisend, nur eine mit realer Farbe bearbeitete Fotografie.

Was sagt mir all das? Die so stark in der Region wurzelnde Arbeit von Frauke Petersen erweist sich als transferierbar in die weite Welt und profitiert umgekehrt von neuen Horizonten, gewinnt unter Beibehaltung ihrer spezifischen Methodik neue Weite, Dimensionen, Aspekte. Es ist ein beziehungsvolles Sprachzeichen, dass dieser Schritt in die Welt hier in Welt so deutlich wird.

Und wir wissen nicht, wohin die Reise weiter geht. Die Potentiale an Vielfalt und Entwicklung im hier ausgestellten Werk lassen sich jedenfalls auch an anderen Aspekten studieren: Extreme Reduktion bei strukturfreien monochromen Arbeiten oder der erwähnten Fotografie, neue Strukturen nicht nur aus der Ferne, sondern auch mal von eingefangenen Autoreifenspuren in St. Peter-Ording, schließlich die sehr individuellen Arbeiten hier hinter dem Pult, die mit der gegenüber befindlichen Kanzel korrespondieren...

Abschließend sein nur ein Objekt noch erwähnt: der zweifache weibliche Schattenwurf, aufgenommen in der Wüste Gobi, verfremdet mit gefärbtem Sand, ein Eigenleben begründend, schließlich auf Zeit eingepasst in diese Mauernische, als wenn Raumausschnitt und Bild füreinander geschaffen wären!

Damit schließt sich der von Frauke Petersen erzeigte künstlerische Bogen von der großen zum ganz kleinen Welt, von den unendlichen Flächen in diesen wunderbar gestalteten Raum.

Ich wünsche Dir, Frauke, stetig erweiterte künstlerische Räume und Welten und Ihnen allen Anregung, intensive Anmutungen und Kunstgenuss vom feinsten - und danke für die tolerante Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Uwe Danker