Eröffnung der Ausstellung „Sehzeichen“ in der Galerie in der Hinterstadt 2002


für mich als Nichtfachmann ist es eine besondere Herausforderung und Ehre, hier einführend ein paar Minuten sprechen zu dürfen.

Ich will mich, wie es sich für einen Dilettanten gehört, mühen und dabei systematisch vorgehen.
Also die Gliederung der Gedanken: Ich möchte sprechen über

1. Anmutung und Erinnerung
2. Material, Technik und Form
3. Künstlerin, Selbstsicht und Heimat


Also 1.: Anmutung und Erinnerung

Betrachtet man die hier von Frauke Petersen ausgestellten Arbeiten, so mögen viele eigenartige Assoziationen und Anmutungen ausgelöst werden. Man sieht und spürt vielleicht

- Bewegung und Ruhe zugleich,
- Irgendwie Konkretes sowie erkennbar Abstraktes,
- Ein flaches Bild und ein dreidimensionales Objekt, ein Relief,
- Unordnung und Ordnung in eins, nämlich
- Feste Geometrie des Auftrags mit natürlich erscheinender Unordnung des Grundes korrespondierend und schließlich auch
- Unsicherheit, ob es sich um Makro- oder Mikroebenen handeln mag.

Gefällig, anbiedernd, nebenwirkungsfrei schön ist das alles nicht. Und obwohl eine Technik und Ähnlichkeiten der Objekte erkennbar sind, ein konsequentes künstlerisches Thema vorliegt, bleibt zunächst Ratlosigkeit. Man meint bei ruhiger, genauer und konzentrierter Betrachtung unter sehr präzisen und geraden Rastern das zu erkennen, was in der Mathematik neuerdings unter dem Begriff des Fraktals Neugier und viele Fragen auslöst. Fragen der Art, ob mathematische Zugriffe Küstenformen oder Folgen von Wasserwellen vorhersagen beziehungsweise beschreibend ordnen können, Phänomene also, die bisher als zutiefst anarchisch, nämlich bar jeder Ordnung begriffen wurden. – Wer im Erkenntnisprozess soweit ist, ist übrigens nah an der Wahrheit der Kunst von Frauke Petersen. Ich komme darauf zurück.

Vorher aber eine sehr plastische Erinnerung, ein Hinweis auf ein weiteres Kennzeichen dieser Arbeiten: So einheitlich-ähnlich sie aufgrund ihrer fast völlig gleichen Farben, Materialien, Technik und Form auf den ersten Blick erscheinen mögen, sie sind individuell, die haben Eigenleben, die Objekte, und zwar erhebliches: Der Vergleich nebeneinander hängender Bilder – und dieser Vergleich ist bei der Gruppe der kleinen Bilder am ehesten möglich – zeigt auf, dass aller vermeintlichen Uniformität zum Trotz sehr verschiedene, ja widersprechende Anmutungen ausgelöst werden: Da werden Spannungsbögen von sehr hart bis fließend weich, von warm bis kalt, ruhig und verdammt unruhig ausgefüllt. Ganz erstaunlich diese Vielfalt in der Einheitlichkeit.

Ich erinnere mich: Im vergangenen Jahr war die Technik zwar dieselbe, aber das Thema ein anderes. Noch war bei Frauke Petersen zum Beispiel Farbe im Spiel, sehr klare und sehr deutliche. Ein wirklich kleines, monochrom tiefrotes und quadratisches Bild tat es mir an, ich nahm es mit nach Hause. Schnell stellte sich dort heraus, dass dieses Relief nicht einfach neben andere Kunst gehängt werden könne, weder in ihrer Nähe noch Ferne, nicht einmal in Gegenwart eines frühen Aquarells derselben Künstlerin. Nein, es brauchte eigenen Platz, ja am Ende unserer Versuche eigene Wände. Wo aber es auch hing – und es wanderte in diesen Tagen buchstäblich durch unser ganzes Haus – verbreitete es Unruhe, ja nahm förmlich aggressiv die Fläche und dann den Raum ein. Ich habe derartiges noch nicht erlebt: Kunst, die einem gefällt und die Ausdruck hat, fand zudem in kleinem Format irgendwann irgendwo, und sei es nach einigen Umhängungen, in unserem Haus immer einen Platz. Nun lernte ich etwas anderes - und werde es nicht vergessen! Erst als das Bild für die Rückreise wieder in die Knack-Plastikfolie gebettet wurde, gewann es Ausdruck und Schönheit zurück. In seiner Eigenständigkeit gehört es woanders hin, jedenfalls nicht in unser Haus.


Ich komme zum zweiten Aspekt meiner Ausführungen, dem Material, der Technik und der Form der hier ausgestellten aktuellen Werkgruppe von Frauke Petersen.

Die Künstlerin benutzt für ihre spezifische Mischtechnik als Grundlage rechteckige, oft fast quadratische „mdF-Platten“, also „mitteldichte Faserplatten“, auf die Fotografien aufgezogen und schließlich Sandstrukturen geklebt werden.

Die Fotografien fertigt die Künstlerin bei Ebbe am Strand bzw. Wattstrand von St. Peter an, fotografiert senkrecht von oben, bevorzugt bei flach stehender Sonne, deren Lichteinwirkung durch Schattenwürfe klare Konturen erzeugt. Ein Bedürfnis, das uns kaum fremd, jedenfalls nachvollziehbar ist: den Blick nach unten am Strand oder im Watt einfangen und abstrahieren! Es handelt sich um Farbfotografie, was bei der oberflächlichen Einheitlichkeit der Farbgebung kaum auffällt, aber tatsächlich ein Spektrum von sandfarben über grau und blaugrau bis zum deutlichen braun abdeckt. Es handelt sich jeweils um unwiederbringliche, folglich einzigartige Momentaufnahmen am Strand, die sehr verschieden vergrößert werden: mal stark, mal schwach. Bildausschnitte werden ausgewählt und auf die Faserplatte gezogen, also geklebt. Die zufallsbedingte, anarchisch-natürliche Struktur ist jetzt zunächst bildfüllend.

Im nächsten Schritt trägt die Künstlerin ein absolut symmetrisches Raster auf: Es kann sehr verschieden aus kleinen oder größeren Punkten, Kreisen oder Quadraten generiert werden und wird damit ganz erheblich verschiedene – indes wohl nur sehr begrenzt plan-, also vorhersehbare – Effekte erzeugen. Immer aber liefert es die Ordnung, eine exakte geometrisch-gerade Struktur, die deshalb in aller Regel spannungsgeladen mit der darunter liegenden Struktur der Unordnung korrespondiert.

Das Material des Rasters bildet Sand, Sand vom Strand, natürlich! Man nehme also Sand und klebe ihn auf Faserplatten. Das ist so einfach nicht. Frauke Petersen hat diese von ihr seit Jahren konsequent genutzte und selbst entwickelte Technik inzwischen so sehr perfektioniert, dass dieser ja doch per se unordentliche Werkstoff zum Inbegriff der Ordnung und sauberen Strukturen der Objekte wird.

Ein eigenartiger Prozess der Abstraktion mit sehr konkretem, ja authentischem Material endet: Sand wird nach der Einwirkung der Flut fotografiert und die Abbildung schließlich mit extrem geordnetem Sand beklebt. Die Korrespondenz der gegensätzlichen Strukturen und der differierenden Abstraktion des Materials setzt ein. Sie liefert Bewegung aus dem Bild heraus. Manchmal sehr aktiv oder gar aggressiv! Und manchmal mild, fließend, ja verschwommen.

Frauke Petersen verfolgt derzeit – alle ausgestellten Arbeiten sind in diesem Jahr entstanden, stellen also eine werkbezogene Momentaufnahme dar – ein enges Thema mit sehr konsequent eingehaltenen Regeln für Material, Gestaltung und Form. Die erstaunliche Vielfalt der Produkte resultiert allein aus wenigen und begrenzten Variablen: den Bodenzeichnungen und Vergrößerungsfaktoren, den natürlichen Farben und schließlich der Art des Rasters für den Sandauftrag. Also auch wieder ein Gegensatzpaar: Enge der generellen Thematik, Vielfalt der einzelnen Produkte!

Kontrastreich sind die Produkte immer: dafür garantieren die Techniken der Fotoaufnahme und der plastischen Bildgestaltung. Teilweise erscheinen die Bilder gar als gebirgig, differierender Lichteinfall jedenfalls verändert Bild und Anmutungen erheblich, lässt verschiedene Objekte entstehen, die dann sozusagen als revitalisiert und aus sich heraus lebendig vorzustellen sind, wenn die Sonne im Tagesverlauf wandelnde natürliche Beleuchtung erzeugt...


Die Künstlerin, ihre Selbstsicht und der Bezug zur Heimat

„Meine Arbeiten sind reduziert, einfach und klar, die Wahrnehmung ist es nicht.“

So kurz, ja fast dröge-schweigsam, jedoch treffend, klar und prägnant charakterisiert die inzwischen in ihrem Fach ausgewiesene und etablierte Frauke Petersen selbst ihre künstlerische Arbeit, die sich thematisch immer um Strukturen, Linien und Flächen dreht, seit Jahren einer eigenen, stabilen Technik aus Struktur und Sand folgt, dabei für Intervalle Themen kennt, sich also fortentwickelt.

In der Eigenschau der Künstlerin formuliert heißt das: „Bei selbstgesetzter Beschränkung von Thematik und Technik beschäftige ich mich damit, die vielfältigen Variationsmöglichkeiten einer einfachen Grundaussage auszuloten.“

Und welchen Fragen spürt die Künstlerin nach? In Selbstäußerungen finden sich etwa folgende, die durchaus auch Vertreter der fraktalen Geometrie äußern könnten :

„Aber wie viele unterschiedliche Strukturen gibt es? Wo finden sich Wiederholungen, Ähnlichkeiten, Verwandtes? ... wiederkehrende Grundstrukturen lassen sich in allen Dingen der Natur erkennen. ... Nichts gleicht einander wirklich, aber Vieles ähnelt sich. ...
Wie viele unterschiedliche Strukturen oder Muster gibt es im Watt, wie vielfältig kann das Wasser den Sand formen? Irgendwann meint man, man habe alles eingefangen ... und doch gibt es immer wieder etwas Neues. ...
Und wie ist es mit Baumrinde beispielsweise? ... Ähneln die aufgebrochenen Strukturen mancher Baumstämmen nicht denen aufgebrochener Ton- oder Lehmböden? ...
All diese Fragen beschäftigen mich bei der Gestaltung und Erstellung meiner Bilder ... auch die Fragen vertiefen sich und geben Anlass für neue Bilder, die wieder neue Fragen aufwerfen.“

Soweit Frauke Petersen selbst.

Ein wichtiger Aspekt zum Verständnis und zur Einordnung der Arbeiten ist der biografisch-geografische Hintergrund der Künstlerin: Sie lebt in Hamburg und St. Peter, und sie stammt aus St. Peter. Die Inspirationen für die Bilder, die Fotofolien und der Sand selbst kommen aus St. Peter und Umgebung, auch die komplexen Lichtverhältnisse an der Westküste beeinflussen, ja generieren die Arbeiten. Frauke Petersens künstlerische Arbeit ist in der Region wurzelnd, an die Region gebunden.

Region klingt so sachlich wie Künstlerbedarfs- und -einkaufsstelle. Genau das beschreibt das Verhältnis von Frauke Petersen zur Westküste, genauer: zu Eiderstedt, nicht hinreichend. Sie bedient sich nicht nur regionalen Materials und entsprechender Anmutungen, sie ist tief verwurzelt in der Region, verwurzelt in ihrer Heimat. So ideologiebeladen oder –verdächtig dieser Bergriff auch erscheint und entsprechend schwer über die Zunge geht, er scheint mir gerade aufgrund seines Gefühlshaushalts besser zu passen als der Begriff der Region: Ich sage also etwas ganz unmodernes: Die Arbeit der Künstlerin hat einen engen Bezug zu ihrer Heimat.


Prof. Dr. Uwe Danker